Für einen Aphoristiker können auch Stühle zum roten Faden werden, falls es ihm gelingt, eine geistreiche Verbindung zwischen beidem herzustellen. Und wenn es zu wenige sind und gerückt werden muss, bei der Begrüßung im Mueumscafé wie im Veranstaltungsraum am Abend ebenso wie im umgerüsteten Seminarraum am Morgen und in der Mayerschen Buchhandlung am zweiten Abend, dann ist das für eine Tagung ein höchst erfreulicher roter Faden, der zeigt: An Resonanz war hier wie da kein Mangel.
Eine dreifache Zielrichtung verfolgt der Förderverein des Deutschen Aphorismus-Archivs mit seinen im zweijährigen Rhythmus veranstalteten Aphoristikertreffen wie mit der gesamten Palette seiner Aktivitäten: den kollegialen Austausch unter den Autoren, das Angebot für das literaturinteressierte allgemeine Publikum (Erwachsene wie insbesondere auch Schüler), die Auseinandersetzung mit der Gattung Aphorismus selbst. Das Tagungsthema des fünften Treffens, „Wertsetzung – Wertschätzung. Der Aphorismus im Wandel der Werte“, war in besonderer Weise dazu geeignet, in dieser Auffächerung einen kleinen spezifischen Beitrag zu einer hochaktuellen gesellschaftlichen Debatte zu leisten.
Dem ersten Ziel dienten wie in den Vorjahren zum einen die Schullesungen, diesmal wegen des Brückentages am Freitag zwischen dem Feiertag Allerheiligen und dem Samstag. Am „Tag des Aphorismus“ am Hattinger Gymnasium Waldstraße mit nicht weniger als zwölf Deutschkursen erreichten vier Aphoristiker immerhin 240 Schüler/innen, indem sie interaktiv in die Gattung einführten. Dieser Projekttag fand in der Lokalpresse das verdiente große Echo. Am Freitagnachmittag und am darauf folgenden Freitag waren Aphoristiker zu Gast in der Gesamtschule und im Schulzentrum Hattingen.
Zum andern zielen die öffentlichen Abendveranstaltungen darauf, die Freunde der Literatur, insbesondere ihrer kurzen, pointierten Form, anzusprechen und damit auch für den Aphorismus und seine „Verwandten“ zu werben. Unter dem Titel „Alles oder Nichts“ gelang dies Oliver Steller in großartiger Weise. Auf den Plakaten hieß es mit vornehmer Zurückhaltung: Er „spricht und singt Gotthold Ephraim Lessing (mit Bernd Winterschladen am Saxophon und Dietmar Fuhr am Kontrabass)“. Das tat er denn auch, aber rezitatorisch wie kompositorisch-musikalisch auf höchstem Niveau. Er sparte nicht mit effektvoll Pointiertem. „Der da oben“ etwa, der, auf dem Apfelbaum sitzend, das erotische Stelldichein unter sich beobachtet, wird zu einem zeitlosen literarischen Kabinettstück, und wenn die drei Künstler mit allen ihren Mitteln „Über die Faulheit“ singen und spielen: wer im Publikum hätte da nicht gewissermaßen begeistert mitgegähnt? Aber Steller verließ sich nicht auf solche Effekte; auch die berühmte Ringparabel aus „Nathan der Weise“ konnte er in nuancenreicher Rezitation vermitteln. Und vor allem: Lessing wurde als Epigrammatiker und Meister auch der kleinen Form lebendig.
So unterschiedlich demgegenüber der Abschlussabend war, er stand dem Auftakt in der Publikumsgunst um nichts nach. Das Kabarettprogramm „Die Welt ist eine Google“ von und mit Ingo Börchers schloss nicht nur eng an eines unserer Tagungsthemen, nämlich „Stellenwert des Aphorismus in der Netz-Gesellschaft“, an, sondern war den Aphoristikern und den anderen Besuchern auch mit seinem Wortspielfeuerwerk eine große Freude – und zum Teil eine kleine Herausforderung oder ein Training in Gehirnjogging: Die nächste Pointe kam oft schneller, als die vorige verstanden war.
Die Lesungen der Tagungsteilnehmer/innen, diesmal in der Mayerschen Buchhandlung in der Innenstadt und, untermalt von dem Duo Jazzpana im „Café am Stadtmuseum“, sind weitere Aktionen, auch das allgemeine Publikum auf die sogenannte kleine Gattung aufmerksam zu machen. Gleichzeitig geben sie auch Einblick in die jeweilige Werkstatt der Autoren / Autorinnen und dienen so ihrer Selbstverständigung – neben dem kollegialen Austausch in Kleingruppen, für die nach den Vorträgen jeweils angemessen (und doch immer zu wenig) Zeit zur Verfügung stand.
Der dritte Aspekt, die Gattung selbst, unter einer bestimmten Fragestellung oder Perspektive betrachtet, stand – wie bei den Vorgängertagungen – zumindest quantitativ im Mittelpunkt. Er war insbesondere daraufhin gewählt, zu begrifflichen wie inhaltlichen Wert-Klärungen zu gelangen. Nicht Grundlagenforschung, aber Grundlagenklärung war dazu offensichtlich nötig. Dem diente in einer ersten Annäherung die themenbezogene Vorstellungsrunde, mit der Jürgen Wilbert die Teilnehmer/innen gleich zu Beginn durch die Vorgabe, in Kleingruppen eine persönliche Stellungnahme zu einem bevorzugten wertbezogenen Aphorismus – aus einer kleinen Auswahl von Friedrich Schlegel bis Emanuel Wertheimer – abzugeben, in den Problemkreis gleichsam hineinzog.
In seinem Einführungsvortrag „Wertsetzung – Wertschätzung. Der Aphorismus im Wandel der Werte“ zeigte Friedemann Spicker zunächst die gesellschaftspolitische Aktualität des Themas auf, um dann in mehrfacher Weise Eingrenzungen vorzunehmen: nicht Wertung allgemein, auch nicht literarische Wertung im Ganzen, ein weites Feld, zu dem er einige Positionen aus neueren literaturwissenschaftlichen Publikationen referierte. Er schlug deshalb vor, die Frage nach dem Wert allein unter dem Gattungsaspekt zu behandeln. Dazu warf er die Frage auf, ob die Wertschätzung des Aphorismus abhängig davon ist und sein darf, ob und inwieweit er selbst Werte setzt oder zerstört. Das schließt die Frage ein, ob solche Werte nur – möglicherweise höchst anfechtbare – individuelle oder auch nationale oder gar universale Geltung beanspruchen können, auf welcher Ebene sie zu suchen sind, wie es mit seiner Wertschätzung heute bestellt ist und ob sich beides, die Werte wie seine literarische Wertschätzung, in den letzten zwanzig/dreißig Jahren verändert haben. In der anschließenden Diskussion klangen schon mancherlei Probleme an, die an den nächsten beiden Tagen vertieft wurden, so mit Begriffen wie „starker Konsens“ oder „fachkundige Mehrheit“ („Schwarmintelligenz“?) die Frage nach der Bedeutung einer qualifizierten Mehrheit im Beurteilungsprozess und umgekehrt die Frage nach der „Autorität“ des Wertenden, so die Forderung nach „Gebrauchswert“, „Verhaltensänderung“ oder Verbindlichkeiten auch in der Kunst, andererseits dem Bestehen auf „Spiel“ statt „Meinung“.
Der weiteren Klärung dienten dann vor allem die beiden Vorträge von Carl Friedrich Gethmann und Michael Rumpf, die zum Teil anregend kontrastiv, zum Teil auch zustimmend-ergänzend angelegt waren. Herr Gethmann fragte scheinbar schlicht: „Werte – gibt`s die?“ und verstand seine Rolle als „Aufräumer“ oder zumindest „Dämpfer“. Dazu stellte er zunächst sprachkritische Beobachtungen zur Verwendung von „wert“ an, an die sich eine umfassende Kritik an dem „deutschen Sonderphänomen“ der Wertethik (Lotze, Scheler, Hartmann) anschloss, in deren Gefolge vor allem die Unterscheidung Max Webers in Gesinnungs- und Verantwortungsethik bis auf den heutigen Tag von Bedeutung ist. Die Ausführungen mündeten in der Forderung, den Begriff „Wert“ nicht zu verwenden oder zumindest zunächst trennscharf zu definieren. Nach solchen „Abrissarbeiten“ blieb Herr Gethmann im zweiten Teil mit einer kleinen Einführung in die Ethik aus seiner Perspektive das regelmäßig eingeforderte „Positive“ nicht schuldig. Die Ethik hat es demgemäß nicht mit der Erkenntnis (des Guten), sondern mit den Kriterien des richtigen Handelns zu tun. Es war die Verbindung von (unerlässlicher) theoretischer Reflexion und eingängigsten Alltagsbeispielen zu konkreter Handlungsabwägung (Besuch der kranken Tante, diverse Fälle von Fluchthilfe), die sicherstellten, dass die Hörer/innen den Ausführungen nicht nur gerne folgten, sondern auch für ein lebendiges Beispiel „fröhlicher Wissenschaft“ dankbar waren.
Herr Rumpf ging in seinem Vortrag „Von dem Werten und den Werten“ thesenartig vor. Schritt für Schritt entwickelte er seine Sicht vom Menschen als der notwendig wertsetzenden, ja bewertungsbedürftigen Instanz, für den Wert und Sinn logisch nahe beieinander liegen, der mit dem Werten Stellung beziehen muss, für den es aber auch Belastung bedeutet zu werten. In der Überfülle an Werten gebe es – im Anschluss an Maslows Bedürfnispyramide – einen objektiven Rahmen, der subjektiv ausgemalt wird. Eine gemeinsame Kultur bedeutet eine Wert- und Zustimmungsgemeinschaft. Wirklichkeitsgesättigt, streitlustig und brillant formuliert, wie sie waren, boten seine Thesen Anlass zu vielerlei Exkursen in der Diskussion, zu Leibniz und zur biblischen Urszene im Paradies, zu den Grenzen der Toleranz und dem gewaltsamen Durchsetzen von Werten ebenso wie zum clash of civilisations, zum Wertewandel und zur Verbindung von Wertung und Bildung.
Viel Klärung und (wie nicht anders zu erwarten) wenig Lösung also insoweit, aber der Weg vom Allgemeinen zum gattungsspezifisch Aphoristischen und vom Wert zum ästhetischen Wert war klar zu erkennen. Rudolf Kamp deutete ihn am Ende seines Vortrags „Implizite und explizite Werturteile in Aphorismen“ an, Friedemann Spicker widmete sich abschließend vollends diesem zweifachen Aspekt. Herr Kamp ging einer doppelten Frage nach: In welcher Form und in welchen Spielarten können Werturteile in Aphorismen vorkommen und welche Verbindung gibt es? Zur Beantwortung entwickelte er in methodisch-didaktisch sorgfältig gewählten Einzelschritten die Unterscheidung in Wertzuweisungen einerseits, deskriptive Wertanalysen und normative Werturteile andererseits, die auf einer Verbindung von Sachverhalt, Beurteilung, Wertmassstab und Handlungskonsequenz beruhen. Weitergehende Problematisierungen wie das ästhetische Geschmacksurteil und die Implizität oder Explizität moralisch-ethischer Werturteile klammerte er bewusst aus. Wenn die beiden vorangehenden Vorträge ihre „Wahrheit“ gemäß dem überstrapazierten Hegel-Diktum („Die Wahrheit ist konkret.“) durch die Konkretion ihrer Beispiele erwiesen, so versäumte es Herr Kamp nicht, für die „Wahrheit“ seines Modells in diesem Sinne auf konkrete Texte zurückzugreifen, die die Tragfähigkeit der Kategorien erweisen sollten. Zwar kam die entsprechende Gruppenarbeit aus Zeitgründen in der Auswertung etwas zu kurz, aber ein hilfreiches Gerüst für reflektierende Tätigkeit bei wertsetzenden Aphorismen steht in jedem Fall zur Verfügung.
Den Aspekt der Wertschätzung des Aphorismus konnte Sarah Curth mit der Einbeziehung von Twitter-Aphorismen in einer Weise aktualisieren, der schon im Vorfeld besondere mediale Beachtung geschenkt wurde. Sie erörterte den „Stellenwert des Aphorismus in der Netz-Gesellschaft“, indem sie zunächst Erläuterungen zu Web 2.0 und Twitter gab. Twitter-Aphorismen sind in gewissem Sinne das moderne Pendant zum „Fackel“-Aphorismus von Karl Kraus; mit der Interaktivität und der Gleichberechtigung von Sender und Empfänger sind die utopischen Forderungen Brechts in seiner Radiotheorie heute erfüllt. Im Hauptteil diskutierte sie das Verhältnis von Aphorismen und Tweets. Das Besondere der Tweets liegt in ihrer Massenkompatibilität, im schnellen Feedback als Dialogizität und Enthierarchisierung und in der Alltagsorientierung: „unter dem Druck der 140 Zeichen zu Diamanten gepresste Alltagskohle“. In den entscheidenden Kriterien erweisen sich ihre strukturellen Gemeinsamkeiten, wie zahlreiche höchst gelungene Beispiele beweisen. Als Fazit und Ausblick nahm die Referentin die mediale Integration in den Blick: das Buch als Filter, der die Flüchtigkeit und die qualitative Beliebigkeit des elektronischen Mediums ‘heilt’. Auch wenn sie bei der Mehrzahl der älteren Teilnehmer/innen auf Skepsis stieß (Sven Gantzkow: Analoge Aphoristiker und ihre Angst vor Twitter, wdr.de), ist sicher gerade in dem Zusammenspiel von neuem und altem Medium eine zukunftsträchtige Chance zu sehen. Auch dabei ergibt sich wieder das Auswahl- und also das Bewertungsproblem: die Brücke zum abschließenden Vortrag.
An – selbstredend subjektiven – Antworten statt Fragen versuchte sich Friedemann Spicker unter dem Titel „Der Aphorismus – Werteträger oder Wertezerstörer?“ Er zeigte in der Analyse von jeweils zwei Autoren aus drei Jahrhunderten (Lichtenberg vs. Goethe, Ebner-Eschenbach vs. Nietzsche, Kraus vs. Hofmannsthal), dass die Opposition Wertezerstörer – Werteträger in dieser ‘Höhenkammaphoristik’ eine höchst relative ist und sich nicht eignet, die qualitative Wertung in der einen der anderen Richtung daran anzuschließen. Eindeutigkeit findet sich vielmehr bei minder bedeutenden Autoren, wie er an Beispielen von Friedrich Heinrich Jacobi und August von Einsiedel im 18. über Ernst von Feuchtersleben und Ludwig Börne im 19. sowie Richard von Schaukal oder Otto Heuschele im 20. Jahrhundert und ‘rechter’ Bekenntnisaphoristik wie ‘linker’ Gesinnungsaphoristik in der jüngeren Vergangenheit konkret zeigte. Den Wert des Aphorismus bestimmte er auf einer ganz anderen Ebene: im Erkenntniswert und im Wert der Freude am literarischen Spiel.
Das Problem der literarischen Wertung ist damit freilich – wie sollte es auch? – immer noch nicht vom Tisch. Das Resümee im Plenum kann man als zu knapp betrachten. Andererseits ist eine Tagung keine Mathematikaufgabe, und dass es eine Reihe von Klärungen gab und Lösungen dahinter zurückstanden, muss man gerade bei einer Gattung wie dem Aphorismus (wenn man nur an das alte Gegensatzpaar Franz Mautners „Einfall und Klärung“ denkt) alles andere als bedauern. À propos: Einfälle waren auch zu vermerken.
In der Evaluation der Tagungsteilnehmer/innen wurde dann auch betont, dass es wichtige Denkanstöße gegeben habe. Von mehreren wurden die gute Organisation und die „anspruchsvollen“, ja „hochkarätigen“ Vorträge hervorgehoben. Weitere Anmerkungen: „eine gute Kombination der Vorträge“, „das insgesamt vielfältige Spektrum“, „ anregend vor allem der kollegiale Austausch und die Lesungen“, „bereichernde Tage“; es wurde aber auch bemängelt, dass „dem brenzligen Thema der literarischen Wertung zu oft ausgewichen“ wurde. Alles in allem ermuntert die Auswertung der Rückmeldebögen die Tagungsverantwortlichen, ein weiteres Aphoristikertreffen im November 2014 ins Auge zu fassen, dann hoffentlich wieder mit mehr internationaler Beteiligung und zu einem literaturspezifischeren Thema: Der Aphorismus und die benachbarten Kleinformen.